Rückblick - Partnerschaft mit einer sowjetischen Stadt

Um 1985 verlangten Friedensgruppen, verschiedene Organisationen und einzelne Bochumer Bürger vom Rat der Stadt Bochum eine Partnerschaft mit einer Stadt in der Sowjetunion einzugehen. Diese Forderung wurde an den wieder entdeckten Gräbern der über 1700 vor allem sowjetischen Kriegsopfer auf dem Bochumer Hauptfriedhof Freigrafendamm erhoben.

 

Die "Frauen für den Frieden" in der Evangelischen Kirche von Westfalen / Gruppe Bochum hatten bereits am 08. Mai 1985 mit symbolischen Pflanzaktionen auf dem Friedhof Freigrafendamm begonnen. Sie waren auch die ersten, die 35 Namen von ehemaligen polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen ermittelten, die nach Bochum zur Arbeit in hiesigen Betrieben verschleppt worden waren und hier umkamen. [mehr dazu]

Nach der Gründung der Gesellschaft Bochum-Donezk e.V. (damals noch ?Gesellschaft zur Unterstützung und Förderung der Städtepartnerschaft Bochum-Donezk e.V.?) am 23.03.1987 und dem wenige Tage später erfolgenden offiziellen Städtepartnerschaftsvertrag, besuchte eine Gruppe Bochumer Bürger im November 1987 Donezk. Ein Versuch, damals bereits Kontakt zu ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aufzunehmen, erwies sich als schwierig.

Die Gesellschaft Bochum-Donezk e.V. bemühte sich in den folgenden Jahren intensiv, ehemalige Zwangsarbeiter, die während des Krieges nach Bochum verschleppt worden waren in Donezk zu finden. Die auch in der Sowjetunion nach dem Krieg verfemten und als Vaterlandsverräter eingestuften Menschen, organisierten sich erst Ende der 1980er Jahre.

 

1992 besucht zum ersten Mal eine Gruppe von Donezker Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern Bochum. Hier beim Empfang auf dem Balkon des Bochumer Rathauses.Von links: Tatjana Popowa, Oberbürgermeister Heinz Eikelbeck, Viktor Schmitko, Sinaida Wolkowa, Iwan Schwtschenko, Wladimir Mordowez Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter 1994 beim Besuch in Bochum Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter 1998 Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter beim Besuch im Bochumer Rathaus 1999 Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter 2000

 

1992 kam es zum ersten Besuch. Weitere Besuche folgten 1994, 1998, 1999, leider nicht so regelmäßig wie von uns gewünscht, da sie für die Gesellschaft Bochum-Donezk e.V. vor allem ein finanzielles Problem darstellten. Seit dem Jahr 2000 lud die Stadt Bochum offiziell auf Grund eines Ratsbeschlusses jedes Jahr ehemalige Zwangsarbeiter ein. Darin spiegelt sich das gewandelte gesellschaftliche Bewusstsein wider. Die teilweise hitzig geführte Diskussion um die Entschädigung der während des 2. Weltkrieges ausgebeuteten und zur Arbeit gezwungenen Menschen machte allmählich das ganze Ausmaß des Komplexes Zwangsarbeit deutlich. Erst allmählich wurde klar, dass Millionen ehemaliger Zwangsarbeiter nach dem Krieg hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden waren. [mehr dazu]

Die Gesellschaft Bochum-Donezk e.V. hatte hier für die Stadt Bochum sehr verdienstvolle Vorarbeit geleistet. Sie nahm auch weiterhin aktiv an der Vorbereitung der Besuche und der Betreuung der Gäste teil. Eine letzte Gruppe war im Jahr 2008 in Bochum, weitere Besuche erschienen wegen des hohen Alters und des Gesundheitszustandes der Beteiligten nicht mehr möglich.

Seit vielen Jahren gibt es enge Kontakte zum Zwangsarbeiterverband des Donezker Gebietes. In der Sammelstelle für humanitäre Hilfe werden regelmäßig Pakete für ehemalige Zwangsarbeiter gepackt. Es entstanden viele enge Freundschaften, so dass ein Treffen mit den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Donezk ein wichtiger Programmpunkt für jede Bürgerreise der Gesellschaft Bochum-Donezk e.V. ist.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands vereinbarte die Bundesrepublik Deutschland mit den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eine pauschale Entschädigung für die zivilen Opfer. 1993 wurden an die Ukraine 400 Millionen DM überwiesen. Etwa 600 DM bekam derjenige, der eine Verschleppung etc. während des Krieges nachweisen konnte. Unser Engagement für ehemalige Zwangsarbeiter war bekannt und so geschah es, dass ab 1997 die damalige Vorsitzende der ?Gesellschaft Bochum-Donezk e.V.?, Waltraud Jachnow, Hunderte von Briefen bekam, in denen Menschen aus Donezk und dem Donezker Gebiet um Nachweise für ihre Verschleppung und ihre Arbeit in Deutschland, Österreich und in ehemaligen deutschen Gebieten baten. Auch hier halfen wir nach Kräften und suchten unter teilweise schwierigen Bedingungen und mit großem Zeitaufwand nach den so notwendigen Bescheinigungen. Die Gesellschaft Bochum-Donezk e.V. wurde für einige Jahre eine offizielle Anlaufstelle des Suchdienstes des Internationalen Roten Kreuzes in Arolsen. [mehr dazu]

Zum 10. Jahrestag der ?Gesellschaft Bochum-Donezk e.V.? 1997 würdigte der ukrainische Botschafter Juri Kostenko unsere Bemühungen und besuchte mit uns gemeinsam die Gräber seiner in Bochum während des Krieges umgekommenen Landsleute. Ein Ort des Gedenkens ist dieser Friedhof für jede Zwangsarbeitergruppe, die Bochum besucht. Einige fanden hier die Gräber ihrer nächsten Angehörigen wieder. [s. auch ?Frauen für den Frieden?]

Das Stadtarchiv Bochum hat 2002 ein Gedenkbuch mit den Namen der hier begrabenen Opfer veröffentlicht. 2004 folgte die Aufstellung von Gedenktafeln mit den Namen der Umgekommenen an den Gräberfeldern

Nachzulesen ist dieser Teil der Arbeit der ?Gesellschaft Bochum-Donezk e.V.? in dem von Waltraud Jachnow, Sabine Krämer, Wilfried Korngiebel und Susanne Slobodzian für die Initiative ?Entschädigung jetzt? herausgegebenem Buch:
??und die Erinnerung tragen wir im Herzen?, Briefe ehemaliger Zwangsarbeiter ? Bochum 1942-1945, Kamp-Verlag 2002.

Dieses Buch ist vor allem aber auch für die darin zu Wort kommenden Menschen wichtig, weil sie in ihm eine offizielle Anerkennung des ihnen geschehenen Unrechtes sehen.


ehemzwang07

Donezk, den 27.09.2002
[...]Ich kann nicht ohne Erregung meine Dankbarkeit für Ihre Hilfe und Güte uns gegenüber ausdrücken und für das Gedenkbuch, an unseren Aufenthalt bei Ihnen und an die Begegnungen in Bochum und Donezk. Wenn nicht gute Menschen in Deutschland wären, hätte ich keine Dokumente über meine Verschleppung und die Zwangsarbeit bekommen, aus unbekannten Gründen haben unsere Behörden das abgelehnt. [...] Ich wäre nicht versorgt und könnte nicht überleben, wenn ich nicht 1994 in Bochum gewesen wäre. Natürlich ist es schlimm, dass ich nach dem Krieg nicht lernen durfte, nicht einmal Krankenschwester durfte ich werden oder Grundschullehrerin und deshalb musste ich immer körperlich schwer arbeiten. [...]
Auf Wiedersehen. Bleiben Sie gesund und glücklich, wir bewahren Sie für immer in unserem Gedächtnis. Anastasija Sadonskaja-Schewtschenko [Besuch 1994, ....und die Erinnerung tragen wir im Herzen ", Briefe ehemaliger Zwangsarbeiter - Bochum 1942-1945, Kamp-Verlag 2002, Seite 94-95]

 

Bei Interesse zum Arbeitsgebiet ?Ehemalige Zwangsarbeiter?? freue ich mich über Ihre Fragen.

Waltraud Jachnow Tel.: 0234 - 23 44 95 Fax: 0234 - 23 97 818
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