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Offener Brief anlässlich der gegenwärtigen Berichterstattung im Ersten Deutschen Fernsehen

Sehr geehrte Report-Mainz-Redaktion,

am 24.02.2026, genau vier Jahre nach Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine, lief in Ihrem Programm im Ersten Deutschen Fernsehen der ARD die Reportage mit dem Titel „Umstrittene Transporte in die Ostukraine – Propaganda für Putin?“. Vorausgegangen waren längerfristige Dreharbeiten an der Sammelstelle der Gesellschaft Bochum-Donezk e.V. sowie ein umfangreicher Austausch zwischen dem Vorstand unseres Bochumer Städtepartnerschaftsvereins und Ihrer Redaktion. Die daraus entstandene Zusammenarbeit, insbesondere mit dem Teammitglied Daniel Hoh, wurde von uns als engagiert, kompetent und konstruktiv wahrgenommen und bietet aus unserer Sicht auch für die Zukunft positive Anknüpfungspunkte.

Grundsätzlich begrüßen wir ausdrücklich die Bereitschaft des öffentlich-rechtlichen und lokalen Rundfunks, über unsere ehrenamtliche Arbeit zu berichten. Regelmäßig informieren unter anderem Radio Bochum und der WDR über unsere humanitären Aktivitäten. In der nun gesendeten Form weist der genannte Beitrag unseres Erachtens jedoch eine konzeptionelle journalistische Unschärfe auf, die potenziell weitreichende negative Folgen für unsere Arbeit haben kann und daher kritisch benannt werden muss.

Report Mainz setzt sich nach eigenem journalistischem Selbstverständnis die Aufdeckung von Missständen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Ziel. Der Beitrag befasst sich in diesem Sinne primär mit umfangreichen strafrechtlichen Ermittlungen gegen politische Akteure, die den völker- und menschenrechtswidrigen Angriff Russlands auf die ukrainische Zivilbevölkerung sowie auf die staatliche Integrität der Ukraine von Deutschland aus unterstützen. Dabei wird jedoch nicht hinreichend deutlich gemacht, dass die Gesellschaft Bochum-Donezk hierzu eine ausdrücklich entgegengesetzte Position einnimmt.

Seit seiner Gründung im Jahr 1987 unterstützt unser Verein die ukrainische Bevölkerung auf vielfältige Weise, insbesondere in humanitärer Absicht, und hat sich stets klar gegen militärische Angriffe auf das ukrainische Selbstbestimmungsrecht positioniert. Seit 2018 trägt der Verein die Auszeichnung „Europaaktive Zivilgesellschaft“ des Landes Nordrhein-Westfalen. 2024 erhielt unsere ehemalige stellvertretende Vorsitzende Monika Grawe für ihr langjähriges humanitäres Engagement die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland durch den Bundespräsidenten. Bereits 2002 wurde mit Waltraud Jachnow ein weiteres Vorstandsmitglied mit dieser Auszeichnung geehrt. Zudem erwähnte der Bundestagsabgeordnete Max Lucks (Bündnis 90/Die Grünen) den Verein und Monika Grawe am 18.12.2025 in einer Rede im Deutschen Bundestag als Beispiele für die Wirkkraft von Solidarität und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Der Verein wird von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis aus Bürgerinnen und Bürgern, Institutionen sowie Unternehmen in Bochum und Umgebung getragen – ganz im Sinne einer resilienten Stadtgesellschaft. Zu unseren Unterstützenden zählen unter anderem die Stadtverwaltung, die örtliche Stadtsparkasse, der VfL Bochum, Diakonie, Caritas, Rotary- und Lions-Clubs, medizinische Einrichtungen sowie eine große Zahl ehrenamtlich Engagierter.

All diese Aspekte werden im genannten Beitrag nicht deutlich herausgestellt. Der Bericht wird als Aufdeckung fehlgeleiteter Spenden angekündigt und geht sodann unmittelbar sowie ohne angemessene Kontextualisierung zu kurzen Video- und Interviewsequenzen aus der Bochumer Sammelstelle unseres Vereins über. Im Anschluss wird eine gestellte Szene mit Hilfsgütern gezeigt, versehen mit ukrainischer und russischer Flagge. Kommentiert wird dies mit Verweisen auf Ermittlungen des Bundeskriminalamtes gegen Organisationen in Deutschland, die mutmaßlich die von der russischen Besatzung völkerrechtswidrig ausgerufenen sogenannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk unterstützen – gemäß Bundesanwaltschaft strafbar nach § 129b StGB.

Für Außenstehende entsteht dabei keinerlei klar erkennbare Abgrenzung zwischen derartigen Gruppierungen und der Gesellschaft Bochum-Donezk e.V., die hierzu eine explizit entgegengesetzte Haltung vertritt. Dies kann die öffentliche Wahrnehmung unseres Vereins auf sachlich unzutreffender Grundlage nachhaltig schädigen. Tatsächlich wurde unser Verein von der russischen Besatzungsmacht in Donezk aufgrund seiner Solidarität mit dem ukrainischen Selbstbestimmungsrecht und seiner proeuropäischen Haltung verboten. Unsere Partnerstadt ist für uns derzeit nicht erreichbar; Vereinsräume in Donezk wurden zwangsgeräumt, Mitarbeitende als politische Gegner verfolgt und mussten die Stadt verlassen.

Ungeachtet dessen leisten wir weiterhin effektive und umfangreiche humanitäre Unterstützung, insbesondere durch Aufbauarbeit und Hilfsgüterlieferungen in die nicht besetzten und zugänglichen Teile der Ukraine. Krankenstationen werden errichtet und mit Medikamenten sowie Medizintechnik ausgestattet, Lebensmittel und Hygieneartikel geliefert und verteilt. Ihrer Redaktion liegen hierzu ausführliche Informationen und Materialien vor.

Seit Beginn des Krieges im Jahr 2022 wurden bereits 110 Lkw (40-Tonner) mit Hilfsgütern beladen und in die Ukraine entsandt. Jeder dieser Transporte hat durchschnittlich einen Warenwert von rund 60.000 Euro. Einschließlich der Transportkosten beläuft sich das Fördervolumen in diesem Zeitraum auf mindestens sieben Millionen Euro, also auf rund 1,7 Millionen Euro jährlich. Darüber hinaus beteiligt sich die Gesellschaft Bochum-Donezk an der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter des NS-Regimes. In dieser Kombination ist unsere Arbeit seit Jahren ein bedeutender Baustein der humanitären Ukraine-Unterstützung in Deutschland. Um dieses hohe Engagement aufrechterhalten zu können, sind wir auf Sach- und Geldspenden aus der Zivilgesellschaft angewiesen. Öffentliche Fehldarstellungen – auch wenn sie unbeabsichtigt erfolgen und keine expliziten Falschaussagen enthalten – können diese Arbeit erheblich beeinträchtigen.

Den ergänzten Tagesschau-Artikel „Umstrittene Transporte in die Ukraine. Geld und Tarnnetze für Putins Angriffskrieg“ des SWR vom 25.02.2026 haben wir zur Kenntnis genommen und danken für die dortigen Erläuterungen zur Sachlage. Die eigentliche humanitäre Leistung der Gesellschaft Bochum-Donezk im weiteren politischen Kontext wird jedoch auch dort nicht hinreichend deutlich.

Aus den genannten politisch wie humanitär gewichtigen Gründen regen wir daher eine umfangreichere Richtigstellung durch Ihre Redaktion an und wären hierfür sehr dankbar. Für Rückfragen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Gesellschaft Bochum-Donezk e.V.
Vorstand
i. V. Dr. Daniel Elon
stellv. Schatzmeister

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